Zwischen dem Regierungsviertel in Berlin und dem Weissenhäuser Strand an der Ostsee liegen rund 800 Kilometer. Aber emotional war das am letzten Wochenende eine Reise wie drei Mal rund um den Globus. Das Motto der Schlagerwelle „Happy Together“ trifft ja für den Bundestag im Moment leider nicht so richtig die Stimmung dort. Aber Schlager wie „Wahnsinn“ (Energiepreise), Adamo‘s „Es geht eine Träne auf Reisen“ (Außenpolitik) oder Andrea Bergs „Du hast mich tausenmal belogen“ passen auch gut in die Politik. Und für die hätte sich eine Reise zur #15. Schlagerwelle gelohnt. Hier lest ihr warum!
Wer in den letzten Jahren am ersten Novemberwochenende in den Norden an die Küste vom beschaulichen Ostholstein gereist ist und am Weissenhäuser Strand in das weißblaue Festival-Chapeau tritt, spürt nach bereits wenigen Metern diese neue Energie und greifbare Glücksmomente. „Happy Together“ ist hier bei den knapp 6000 Besuchern am Festivalwochenende nicht nur ein Claim. Die Besucher der Schlagerwelle leben dieses Motto. Auch wenn uns am Zelteingang kein weißes Kaninchen begrüßt, so tauchen wir doch ein in das fiktionale Schlagerwunderland. Die Glitzergirls mit der Afrolook-Perücke sind wieder da, die tanzenden Engel mit ihren blinkenden Leuchtflügeln, Männer in 70er Tapetenmusterhemden und knalligen Schlaghosen prosten sich zu und natürlich treffen wir an der Bar den Stammgast Charly mit seinem bunten Papageien-Hut.
Das Festival ist ein großer Familientreff geprägt vom Wunsch, die Alltagssorgen und Ängste für ein paar Stunden zu vergessen. Hier wird die Freiheit noch bis spät in die Nacht gefeiert und vor Ort erlebt. Viele Events haben inzwischen keinen Markenkern mehr, keine Strategie und leider keine Zukunftsvisionen mehr. Sie sind wie ein Schiff ohne Ruder auf wirtschaftlich stürmischer See. Zur Schlagerwelle sind in diesem Jahr in etwa genausoviele Gäste, viele davon seit vielen Jahren, angereist wie im letzten erfolgreichen Jahr. Und diesen Status quo zu halten ist in den für viele wirtschaftlich schweren Zeiten ein wirklich großer Erfolg.
Das Geheimnis dieser positiven Bilanz ist das WARUM gehe ich zum Festival? Und nicht mehr so sehr das WAS (sehe ich an Künstlern?). Das Motto „Happy Together“ wünschen sich die Menschen eben nicht nur im zerstrittenen Berlin. Die JunX haben dieses Gefühl in ihrem neuen Song (erscheint nächsten Freitag) genau beschrieben: „Wir werden wieder tanzen, wir werden wieder glücklich sein. Wir werden wieder singen…“ Feiern wie früher, das ist die Energie der Schlagerwelle. Und bei welchem Schlager-Event wird beispielsweise „Atemlos“ (Barbara) genauso abgefeiert und mitgesungen wie „Highwell to Hell“ (Mountain Crew), „Footlose“ (Michael Fischer) „Die pure Lust am Leben“ (Markus) oder den Love-Parade-Klassiker „Over the rainbow“ (Loona). Der Mix aus gleich fünf Genres macht die Schlagerwelle so einzigartig und das glitzernde und blinkende Publikum verzaubert ein Festival zum echten Kult-Festival.
Der Festival-Freitag war ein Auftakt voller Energie
Alte und neue Freunde treffen. Und von Jahr zu Jahr wird das Opening mit dem Spielmannzug aus dem Nachbarort Oldenburg immer besser besucht. So viel ist schon verraten: Natürlich kommt der Spielmannszug auch im nächsten Jahr wieder zum Opening! Die sind Kult!
Die atem(lose)beraubende Barbara im knappen Glitzeroutfit und ihre Helene Fischer Tribute-Show hat schon seit Jahren ihre Fans gefunden und sie wird sicher nicht das letzte Mal bei der Schlagerwelle gesungen haben.
Michael Fischer hat mit seiner Gitarre das Publikum auf eine Reise zurück in die Schlager-Zukunft genommen. Und dann noch diese einzigartige Stimme und das begeisterte Publikum, da ist der Anreisestress aus Süddeutschland für den Künstler ganz schnell vergessen. Sein Lächeln bei der Robbie Williams-Ballade „Angels“ zum Finale beweist das.
Befindet sich der Schlager in einem Zustand des Dahinsiechens, ohne Perspektive, wie ein langsames Sterben? Das ist in etwa so weit von der Realität entfernt, wie der Vatikan von einem Swinger-Club. Schlager braucht nicht postmodern zu sein, die Songs müssen miterlebbar sein. Michael Fischer hat das im Festival-Zelt eindrucksvoll gezeigt.
Die Dorfrocker passen einfach zur Schlagerwelle. Denn hier sind wir alle Dorfkinder mit dem Bier in der Hand und nicht hippe Großstadt-Hipster die mit dem Lastenfahrrad anreisen. Da würden wahrscheinlich auch nicht die mitgebrachten Kisten Gerstensaft für die vielen Zimmerpartys am Festivalwochenende rein passen. Chai Latte habe ich nirgends gesehen!
Das Ruhrgebiet nennen Schlagerfans und Journalisten gern „die Herzkammer des Schlagers“. Heute steht diese Herzkammer fast vor dem Infarkt. Heute jedenfalls läuft der neue Herzschrittmacher an der Ostsee. Im Festivalzelt vom Weissenhäuser Strand.
Loona hat uns mit auf eine Zeitreise in die glücklichen 90er Jahre mitgenommen. Ein musikalisches Feeling zwischen Ibiza und Love-Parade. Und als sie dann spontan auf den starken Schultern eines Fans durch das Publikum getragen wurde, hat diese Welle von Freiheit das ganze Zelt spürbar erfasst.
Zwischen den Acts Luftholen? Fehlanzeige, denn DJ und Entertainer Hendrik Treuse hält die Stimmung am Kochen. Und wenn er mit seiner Lockenpracht über die Bühne wirbelt, begleitet von den GoGo-Girls Jenny und Silvana. Da merkt jeder sofort, der Mann hat Takt und Rhythmus im Blut. Schließlich war in jungen Jahren Schlagzeuger beim Heeresmusikchor…
Zum Abschluss dann noch einmal volle Power vom Büffelmann. Der Partykönig von Mallorca Lorenz Büffel rennt so aufgedreht über die Bühne, wie ein Boxer der den Gong nicht gehört hat… Und sein Publikum folgt im Runde für Runde. „Baila Baila“ eben!
Wer nach so einem Schlagerfight noch Kraft hat, wankt zur Afershow-Party mit Chris Mega (Baltic Saal) oder in die Alm zu DJane JoJo vom Hamburger Schlagermove und tanz zu den Klassikern. In der Bundesliga nannt man das auch „AUSLAUFEN…“
Backstage-Geflüster – was man vor der Bühne nicht gesehen hat!
Erstes Schlagermove Open Air: Frank Klingner der Macher vom Schlagermove in Hamburg war Backstage und erzählte, im nächsten Jahr gibt es ein erstes Schlagermove-Open Air. Und wie geflüstert wird, sehen wir dort auch einen Act aus dem Schlagerwelle Line-Up.
Wiedersehen macht Freude: Michael Fischer hat 8 Jahre im MegaPark auf der Bühne gestanden und wurde damals von Animateur-Moderator Stefan Scheichel-Gierte angesagt. Heute besser bekannt als Lorenz Büffel und er gehört zu den Top-Stars der Mallorca-Szene. Groß war die Wiedersehensfreude.
Das neue Power-Duett?? Loona feierte nach ihrem Auftritt einfach Backstage weiter. Tanzte und sang zu Lorenz Büffel, der mal wieder alles auf der Bühne gegeben hat. Euphorisch verabredeten die zwei Partystars im nächsten Jahr einen Duett-Titel zu machen. Wir freuen uns auf Baila Baila trifft Bailando.
Der Weltstar auf dem Sofa!
Seán Connon war Backstage und feierte die Junx mit der Formation Celtic Dance aus Kiel und ihrem gefeierten Irish-Pub Special. Der Mann ist als Banjo-Spieler 1982 bei der legendären Folkband The Dubliners eingestiegen, die mit ihrer Welttournee erfolgreicher waren als Helene Fischer und Millionen Alben verkauften. Dazu mit „Whisky in the Jar“ einen Welthit landeten und den ersten Song mit Radio-Verbot überhaupt. Es war der Titel „Seven Drunken Nights!“.
… und NEIN
Helene Fischer war nicht im Zelt. Es ist ihre optische Doppelgängerin. Die Chefin von der Security!
Nur die Harten sind auch schön:
Philipp Rafetseder, der kernige Frontmann der Mountain Crew war nicht nur Mister Austria. Wer morgens noch am Strand spazieren gegangen ist, hat ihn in der eiskalten Ostsee baden sehen. Nackig natürlich.
Ein Blick auf die Playlist der Künstler verrät, der häufigst gecoverte Titel 2025 war „Wackelkontakt“. Übrigens 2024: „Major Tom“. 2023: „Hulapalu“ und davor immer wieder „Wahnsinn“.
Backstagespruch des Abends: Für jedes „Zicke Zacke“ und „Wo sind die Hände“ auf der Festival-Bühne hätte ich gern einen Euro!
Nach dem Energie-Freitag folgte der überraschende Show-Samstag
Wer früh genug das Festivalzelt besuchte, dachte PUR steht dort oben auf der Bühne. Jeder Ton, jeder Song, jeden Takt hat die Coverband „Abenteuerland“ perfekt drauf. Und das alles zu 100 Prozent live gespielt. Die Band aus der Nähe von Braunschweig war für die vielen Gäste vor der Bühne die erste große musikalische Überraschung. Zugabe: Bei dem Erfolg ist sie schon vorgemerkt für eine der nächsten Festivals.
Mit einem frischen Popschlager-Medley beweist Angelika Ewa Turo, dass sie auch rund zehn Jahre nach ihrem DSDS-Erfolg immer noch eine beeindruckende Stimme hat.
Von der Ostsee auf die grüne Insel
Die JunX aus Hamburg rockten die Bude. Auch sie inszenieren in ihrem Gitarrensound Songs wie „80 Millionen“, „An guten Tagen“, Udo Lindenbergs „Hinterm Horizont“ oder einem Marius Müller Westernhagen Medley das bei der Schlagerwelle die Song-Schublade weit geöffnet wird. Die Überraschung aber war ein extra für die Schlagerwelle einstudiertes Irish-Pub-Medley unterstützt von der Formation Celtic Dance aus Kiel. Und schnell merkte das Publikum, wie viele Schlager-Hits und Mitsing-Songs ihren Ursprung auf der grünen Insel haben. Beispiel gefällig: „An der Nordseeküste“ (Wild Rover), Wellerman Song, „Viva Colonia“ (irische Volksweise und „Im Wald da sind die Räuber“) und natürlich „Sailing“ ( „The Sutherland Brothers“), das Rod Stewart zum Welterfolg machte und auch Mickie Krause gecovert hat „Ich bin solo“.
Welthits im neuen Sound: Dschinghis Khan präsentierten in modernem Sound, bunten Kostümen und erstklassiger Bühnenchoreografie ihre großen Hits wie natürlich „Dschinghis Khan“ oder „Moskau“. Es flogen übrigens keine Gläser an die Wand. Das Storytelling zwischen den Songs ging im Festzeltgesang ein wenig unter. Und es wäre schön, wenn bei den weiteren Mitsingsongs wie „Lorely“ , „Mexico“, „Hatschi Halef Omar“ oder die schöne „Helena“ das feierwütige Publikum noch mehr einbezogen und angesprochen wird. Muss ja nicht immer „Wo sind die Hände“ sein…
Auf diese Überraschung haben alle gewartet: Die Jungs der Mountain Crew hatten ihren weitesten Auftritt der Karriere (mit dem Auto) von zuhause in Oberösterreich. Nach rund 1000 Kilometer Anreise folgten die 100 000 Hände vom neuen Partyknaller „Wie viele Hände hat der Oktupus“. Lederhosen-Rock und Balladen vom Feinsten und alles Live! Und auch vor den Sixpacks der Chippendales braucht sich die Alpenboygroup nicht zu verstecken. Vom weiblichen Publikum mit lauten ja schon hysterischem Kreischen begleitet fielen die Oberteile zu den Lederhosen. Die sexiest Band des Festivals brachte das Zelt mit ihrem Hit „Expresso & Tschianti“ in Ekstase.
Jeder Song ein Hit: Die Hermes House Band ist nicht zum ersten Mal auf der Festival-Bühne. Die Niederländer gute Laune-Formation hat zahlreiche Songs durch ihren ganz speziellen Partysound bis heute weiterleben lassen. Ob „Country Roads“, „Ring of Fire“, „Life is Life“, „Sweet Caroline“, Amarillo“ oder „Que Sera Sera“. Und das Ganze funktioniert auch unplugged nur mit Ukulele…
Alle wollten Spaß! Zum Finale brachte Markus zusammen mit Partnerin Yvonne die große NDW-Show auf die Bühne. Völlig losgelöst folgte dann die letzte Überraschung des Tages. Der Tik Tok-Millionenklicker „Gute Laune“ Song von GroßstadtEngel wurde im ORIGINAL gesungen. Und das ganze Festzelt machte mit. Denn alle hatten oben gute Laune, unten gute Laune, recht, links und vorne und hinten gute Laune. So viel, das das alles noch einmal als Zugabe gesungen und getanzt werden musste.
Großes Finale mit allen dann auf der Bühne und damit verabschiede ich auch mich und alle stimmen jetzt gerne noch einmal laut mit ein: „Eins kann uns keiner nehmen und das ist die Pure Lust am Leben!“
Wer mag kann sich hier alle Fotos anschauen:
© Fotos: Julian Sekora
Text: Jörg Mandt (Team Gabis-Schlager.Club)

