Setzt sich dieser Musik-Trend aus den Niederlanden auch bei uns durch?

Ein Essay von Jörg Mandt (Buchautor „Endstation Schlager“ und Team Gabis-Schlager.Club)

Alles Neue wird einmal alt, das ist sicher. Aber es gibt aktuell in der Musik auch einen Trend, der das umkehrt. Und Altes ist plötzlich neu und beliebt. Heute geht es bei mir mal nicht vordergründig um das Schlagergenre, das für manche immer noch eine Blackbox ist, sondern um einen Blick über die Schublade „Deutscher Markt“ hinaus. Um einen Trend, wieder einmal aus den Niederlanden, wo das typische Schubladendenken nicht so fundamentiert ist wie bei uns. Zwischen Rotterdam und Groningen geht es um einen Spiegel des kollektiven Gedächtnisses und ein Zeichen dafür, wie stark Musik Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden kann.

In den Niederlanden erleben Tribute-Shows derzeit einen beispiellosen Boom. Formate wie die SBS 6-Erfolgssendung „Tribute: Battle of the Bands“ haben das Genre aus der Nische ins Zentrum der Unterhaltungsindustrie katapultiert. Die Zahlen sprechen für sich: Der Elvis-Interpret Bouke Scholten verkauft nach seinem Show-Sieg komplette Tourneen aus, Bee Gees Tribute by Main Course erreichten über 500.000 verkaufte Tickets innerhalb eines Jahres, und A*Fever – The ABBA Tribute Show* meldete bereits nach wenigen Wochen 10.000 verkaufte Karten und haben ihre beriets vielfach ausverkaufte Tour gleich bis 2027 verlängert. 

Die Finalisten der aktuellen Staffel – unter anderem mit Tribute-Programmen zu Donna Summer und den Beach Boys, spielen als Siegprämie im Amsterdamer Ziggo Dome. Nicht nur einen Abend. Sie füllen gleich an vier Abenden im April den Amsterdamer Dome: 4 × 17.000 Tickets, innerhalb weniger Tage ausverkauft.

Der Erfolg dieser Shows lässt sich nicht allein mit musikalischer Qualität erklären, auch wenn das Niveau der beteiligten Musiker außergewöhnlich hoch ist. Ein zentraler Faktor ist die gezielte Inszenierung von Nostalgie. Die Tribute-Shows fungieren als emotionale Zeitmaschinen: Sie lassen Songs wieder aufleben, die kollektive Erinnerungen tragen – an Jugend, Freiheit, große Liebesgeschichten oder prägende Lebensphasen. Momente, die man nicht vergisst.

In einer Zeit gesellschaftlicher Unsicherheit bieten diese vertrauten Klänge Halt, Orientierung und ein Gefühl von Gemeinschaft. Hinzu kommt, dass viele Originalkünstler entweder nicht mehr auftreten oder bereits verstorben sind. Tribute-Shows schließen diese Lücke und ermöglichen es auch jüngeren Generationen, die Musik von Elvis, ABBA, Beach Boys, den Bee Gees oder Donna Summer erstmals „live“ zu erleben – wenn auch in interpretierter Form. Fernsehsendungen wie auf SBS 6 verstärken diesen Effekt zusätzlich, indem sie Künstler aufbauen, Geschichten erzählen und emotionale Bindungen schaffen, lange bevor ein Ticket verkauft wird.

Der Trend beschränkt sich längst nicht mehr auf die Niederlande. Auch in Deutschland geht die holländische Bee-Gees-Tribute-Produktionen „Maincourse“ auf Tour. Ihre erste Tour in Deutschland, Österreich und der Schweiz umfasst 17 Konzerte. Darunter auch die Schlagerhochburg Oberhausen. Zunächst in kleineren Theatern. Veranstalter: Kein Geringerer als Semmel Concerts.

Einen Automatismus, dass der Erfolg aus den Niederlanden auch auf Deutschland überschwappt, gibt es nicht. Manche Trends wie die Partysongs „Baila Baila“ (Lorenz Büffel, Mickie Krause, Kings of Günter, Immer Hansi) haben inzwischen 11 Millionen Streams bei Spotify. Das Original von Effe Seriues wurde in den Niederlanden bisher 33 Millionen Mal gestreamt. Beachtlich, denn Deutschland ist fünf Mal so groß wie die Niederlande. Auch „Schatzi schenk mir ein Foto“ von Mickie Krause wurde nach dem Original aus Holland bei uns ein Partyknaller. Auch dank Florian Silbereisen, der Mickie Krause mit dem Titel als Dauergast in seine Sendung nahm, nachdem ein bekanntes Musik-Label den Song für KLUBBB3 -Mitglied Christoff De Bolle abgelehnt hatte. Mit der Begründung, das wird hier kein Hit. Florian Silbereisen und TV-Produzent Michael Jürgens haben das Gegenteil durch die Dauerpräsenz bewiesen. Und Schatzi ist inzwischen ein Party-Klassiker. 

Manche Branchenexperten gehen davon aus, dass das Thema „Tribute Show“ auch bei uns und in der europäischen Live-Musikindustrie eine zentrale Rolle spielen wird. Nicht als Kopie, sondern als kulturelle Wiederbelebung: Songs, die Erinnerungen bewahren, werden neu interpretiert und für ein heutiges Publikum emotional zugänglich gemacht.

Tribute-Shows sind damit mehr als bloße Nachahmung („Cover“) – sie sind ein Spiegel des kollektiven Gedächtnisses und ein Zeichen dafür, wie stark Musik Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden kann.

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Und immerhin ist so ein Tibute-Song jetzt bei den Schlagerchampions jetzt als „Hit des Jahres“ ausgezeichnet worden. Das Duett „Schau mal herein“ von Helene Fischer & Florian Silbereisen. Schon 1979 interpretiert von Marion Merz & Bernd Clüver und im Original (1978) gesungen von Suzie Quatro & Chris Norman.

Ein Blick beim Online-Ticketverkäufer Eventim verrät uns, das es nun auch in Deutschland eine immer stärkere Nachfrage nach den Tribute-Shows gibt. Mit dem Suchbefehl „Tribute“ erhalte ich 11 Seiten mit Konzerten aller Art. Wenig Schlager, aber viele Oldies wie Simon & Garfunkel, Fleetwood Mac, David Bowie, Queen, CCR, natürlich die Beatles und gaaanz viel ABBA. Ich habe 17 verschiedene Formationen gezählt. Die Preise für die musikalische Zeitreise liegen meistens zwischen bezahlbaren 30 und 40 Euro. Vielleicht neben dem emotionalen Faktor auch ein wirtschaftliches Argument für den Besuch einer Tribute-Show. Das ist das Problem mit vielen Künstlern: Sie sind mit Brillanz gesegnet, aber von Unsicherheit geplagt und singen deshalb den 1001. Popschlager, wovon es so oder ähnliche schon zig andere gibt. Bei den Tribute-Shows muss keiner mehr einen Hit mit hoher Reichweite landen, dort werden bereits erfolgreiche Welthits gesungen. 

Das Kult-Festival „Schlagerwelle“ an der Ostsee setzt schon seit Jahren auf Tribute-Acts. Ob Helene Fischer, Andreas Gabalier, Roland Kaiser oder PUR, diese Acts sind für ein mittelgroßes Festival mit rund 5.000 Besuchern nicht bezahlbar. Die Besucher müssen trotzdem nicht auf die großen Hits der Stars verzichten. Die Tribute-Künstler werden im Festivalzelt genauso abgefeiert wie die Superstars. Besonders wenn sie so einen Auftritt wie die PUR-Tribute Band „Abenteuerland“ im letzten Jahr hinlegen. Auch 2026 setzt die Schlagerwelle wieder auf einen großen Tribute Act. Die oben beschriebene Show von A*FEVER aus den Niederlanden. Die Tributeband spielt die Hits von Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid, die seit mehr als vier Jahrzehnte für Stimmung sorgen. Zum Programm gehören nicht nur die großen Klassiker wie „Waterloo“, „Dancing Queen“ und „Mamma Mia“, sondern viele andere ABBA-Hits. 

Gegen den allgemeinen Trend kann die Schlagerwelle mit dem Musikmix aus verschiedenn Genres inzwischen den besten Vorverkauf aller Zeiten (seit 16 Jahren) vermelden. „Bei uns sind Momente die für immer bleiben, Erinnerungen, Gemeinschaft, Freiheit, Lebendigkeit, Sehnsuch, Liebe & Nähe wichtige emotionale Elemente des Festivals. Das ist Eskapismus pur um für ein paar Tage dem Alltag zu entfliehen. Deshalb kommen die Tribute-Show in unserem Programm so gut an und sind ein wesentlicher Bestandteil des Festivals“, sagt Schlagerwelle-Veranstalterin Andrea Mix.

Noch ein kleiner Ausblick auf das Musikjahr 2026. Bei einigen ist die Nachfrage nach Bookings gestiegen. Bei anderen wird es immer schwerer. Die Arena-Tour von Helene Fischer, sicher mit neuem Album, wird die wirtschaftliche Statistik beim Bundesverband der Musikindustrie wieder nach oben treiben. Für Musiker und Bands, die von Stadtfesten und Traditionsfesten leben, bei denen die Städte und Kommunen das Bühnenprogramm bezahlt oder zumindest unterstützt haben, wird es schwerer werden. Der Grund: Deutschland ist hoch verschuldet. Ende 2025 betrug die Gesamtverschuldung von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherung 2,55 Billionen Euro, was 62,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Das zwingt Städte und Kommunen in diesem Jahr zu drastischen Sparmaßnahmen, um nicht noch weiter in die Miesen zu rutschen.

Um nur einige zu nennen: Im Norden wurden die „Kappelner Heringstage“ (mit NDR-Bühne)  bereits abgesagt, ebenso die „Eutiner Festspiele“ (hier wird aktuell noch nach einer Notlösung gesucht), das bekannte „Open R“ in Uelzen wurde abgesagt. Der Veranstalter hat Insolvenz angemeldet. Hier spielten schon Fanta 4, Herbert Grönemeyer, Elton John, Mark Foster, Roland Kaiser, Maite Kelly, Andrea Berg mit DJ Ötzi und Vanessa Mai, Sarah Connor, Howard Carpendale oder Brian Adams. Das Ölbergfest in Wuppertal, die Festspiele in Heppenheim, Stadtfest Greifswald und zahlreiche andere. Und die Frage bleibt, nach den neuen teuren Sicherheitskonzepten für die Weihnachtsmärkte müssen Veranstalter aus der Privatwirtschaft auch mit höheren Kosten für die Sicherheit in 2026 rechnen. Ob man die Kosten auf die Ticketpreise umlegen kann, ist fraglich, zumal auch die wichtigen Sponsorenkassen ebenfalls immer leerer werden.

Aber „Hoffnung gießt in Sturmnacht Morgenröte!“ dichtete schon Wolfgang von Goethe. Aber der bekommt zumindest an Berliner Schulen inzwischen keinen Tribute mehr…

Ein Essay von Jörg Mandt (Buchautor „Endstation Schlager“ und Team Gabis-Schlager.Club)